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Aug 24

Sensationsfund in der Bergstadt

Schützentradition: Sorgt ein Prunkbeil aus der Jungsteinzeit dafür, dass die Geschichte der Schützengesellschaft neu geschrieben und erweitert werden muss?

An die Beile! Christian Landerbarthold (l.), Vorsitzender der Schützengesellschaft, kreuzt die Replik des Jadeitbeils mit einem ebenfalls nachgebauten Prunkbeil, das Schützenkaiser Eike Kramer hält. Im Hintergrund, unter dem Vereinswappen im Kugelfang, stehen Karl Banghard, Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums, und Schützenkaiserin Nicole Kramer.

Die Schützen wussten es schon immer: Der Schützenplatz am Steinbült ist etwas Besonderes. Das bestätigte jetzt auch Karl Banghard, Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums. „Durch die Nähe der Landerquelle und die topografische Qualität versammelten sich dort bereits vor 7.000 Jahren Menschen zu gemeinschaftlichen Ritualen“, sagt Banghard.

Belegt werden konnte das jetzt durch einen Fund, den die Kölner Archäologin Brigitte Gehlen im Magazin des Lippischen Landesmuseums in Detmold gemacht hat. Dort lagerte seit 80 Jahren ein jungsteinzeitliches Prunkbeil aus Jadeit.

Bereits 1937 hatte es der Gründer des Archäologischen Freilichtmuseums, Hermann Diekmann, ausgegraben. Aber niemand erkannte in den vergangenen 80 Jahren die Bedeutung des Beils.

Das Steinbeil stammt vom südwestlichen Alpenbogen, höchstwahrscheinlich vom Monte Viso, 70 Kilometer südwestlich von Turin. „Am Fuß dieses bis weit in die Poebene hinein sichtbaren Berges wurden im Jahr 2003 große jungsteinzeitliche Steinbrüche entdeckt. Dort baute man in 1.700 bis 2.400 Metern Höhe Jadeit ab, das nach mineralogischen Untersuchungen genau das Rohmaterial für die meisten dieser Beile war. Der intensive Abbau musste in den Sommermonaten erfolgen, denn im Winter ist es in solchen Höhen dafür zu kalt“, erklärt Banghard.

Das Oerlinghauser Beil datiert in die Zeit zwischen 5000 und 4200 vor Christus. Die genauen Umstände unter denen Diekmann das Beil fand, sind unbekannt. Dort, wo man beim Ausgraben genauer hingeschaut hat, wurden solche Beilklingen häufig aufrecht stehend angetroffen, meist mit der Schneide nach oben. „Die Steinzeitmenschen hatten sie also bewusst deponiert und nicht einfach verloren. Dafür spricht auch, dass Jadeitbeile in der Regel an besonderen Orten gefunden werden: An Felsen, in Mooren, bei Höhleneingängen und Wasserfällen. – Oder eben in unmittelbarer Nähe des Schützenplatzes. Das ließ beim Schützenvorsitzenden Christian Landerbarthold und Kaiser Eike Kramer dann auch die scherzhafte Überlegung aufkeimen: Muss die Geschichte der Schützengesellschaft neu geschrieben werden? Muss sie weiter gefasst werden? Sollte eine historische Kommission gegründet werden? Auch ob der Fund durch einen zusätzlichen Anhänger in der Königskette gewürdigt werden soll, wurde kurz diskutiert. Kramer: „Oh nein, die ist eh schon so schwer . . .“

Wer das Beil hat, hat die Macht

Das Original: Die Beilklinge aus Jadeit hat Archäologin Brigitte Gehlen im Magazin des Lippischen Landesmuseums gefunden.

Das Sensationelle an dem Fund ist, dass Jadeitbeile nicht nur soziale Unterschiede belegen. Sie waren vielmehr Insignien der Macht. Sie wurden mehr als andere Steinbeile akribisch geschliffen und auf Hochglanz poliert. „Manche glänzen so sehr, dass man sich darin spiegeln kann“, sagt Banghard. Für den täglichen Gebrauch waren sie zu weich und zu dünn. „Sie wurden nur für den schönen Schein geschaffen.“ Und sie waren in der Jungsteinzeit wertvoller als Gold, berichtet Banghard.

In Norditalien, Frankreich, England und Deutschland hatten diese Prestigeobjekte offensichtlich dieselben Bedeutungen. Denn man hat sie nicht nur über riesige Distanzen ausgetauscht, der Monte Viso ist immerhin 1.100 Kilometer von Oerlinghausen entfernt, sondern auch in ganz ähnlicher Form deponiert. Banghard erklärt: „Sehr augenfällig wird die Bedeutung des Materials in den monumentalen Grabhügeln in der Bretagne. Aus ihnen stammen Jadeitbeile in großer Menge und Qualität. Jadeit war im fünften vorchristlichen Jahrtausend wertvoller als Gold, das man in der ausgehenden Steinzeit bereits kannte.“

Schützenkaiser Eike Kramer freut sich jedenfalls über die Neuigkeit. Denn sie ist nicht nur archäologisch eine Sensation. Die Farbe des Beils, ein sattes Grün, lasse den Schluss zu, dass die Schützentradition viel, viel weiter zurückgehe, als bisher angenommen. Die Schützen überlegen jetzt, ob eine Replik des Beils – das Original soll demnächst in einer neuen Abteilung des Lippischen Landesmuseums gezeigt werden – auch die Schützenhalle schmücken würde.

Quelle: Neue Westfälische