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Jul 09

Der Geburtstagskönig

André Scherlich wird an seinem 40. Ehrentag der neue Regent der Oerlinghauser Schützengesellschaft und regiert zusammen mit Nicole Jelen.

Nur noch ein dünner Rest des vormals stolzen Holzadlers hängt an diesem Montagvormittag im Kugelfang oberhalb des Oerlinghauser Schützenfestes – den Rest haben die Aspiranten um die Königswürde bereits heruntergeschossen. „Wer den nächsten Treffer landet, ist Schützenkönig“, ist sich Oberst Christian Landerbarthold sicher, der wie die zahlreichen Gäste gespannt nach oben gen Restadler starrt. Nur wenige Sekunden später fällt auch er zu Boden.

Großer Jubel, Freudenschreie und Applaus hallen über das Festgelände am Steinbült, kurz nachdem André Scherlich den entscheidenden Schuss abgegeben und sich damit zum neuen Schützenkönig der Oerlinghauser Schützengesellschaft gekrönt hat. Das Bergstädter Urgestein kann es noch gar nicht richtig fassen – schließlich feiert er an diesem Tag nicht nur die neue Regentschaft, sondern auch seinen 40. Geburtstag. Vor Freude kullern André Scherlich die Tränen über die Wangen, als er die Glückwünsche seiner Schützenschwestern und Schützenbrüder, der umstehenden Gäste und die seiner Königin entgegennimmt: Nicole Jelen. „Ist das toll. Meine Tochter und mein Schwiegersohn“, sagt ein freudestrahlender Pit Jelen, der 2015/16 König war. Das Paar hatte sich gewünscht, in diesem Jahr die neuen Majestäten der Oerlinghauser Schützengesellschaft zu werden und deshalb schon weit im Vorfeld ihren Thron stehen. Diesen komplettieren neben Schützenkönig André Scherlich und Schützenkönigin Nicole Jelen die Throndamen Finja Salitter, Sarai Hanning, Anja Salitter, Imelda Birkemeyer, Karin Schäfer, Sabine Jelen und Ann-Kathrin Kessemeier. „Einfach toll, dass das geklappt hat“, freuen sich André Scherlich und Nicole Jelen (36).

Es ist der perfekte Höhepunkt eines wunderschönen Oerlinghauser Schützenfestes, das nach drei Jahren coronapandemie-bedingter Zwangspause wieder stattgefunden hat. Gestartet waren die Feierlichkeiten mit dem Konzert beim Oberst am Samstag zuvor, das an der Heinz-Sielmann-Schule stattgefunden hatte. Beim Antreten auf dem Rathausplatz übernahm Zapfenstreichführer Pit Jelen das Bataillon und führte es zunächst zur Residenz von König Sebastian Boer und Königin Christiane Hoffmann an der Hauptstraße. Von dort aus ging es auf den Schützenplatz, wo Pit Jelen einen perfekten Zapfenstreich im Fackelschein zelebrierte. Mit dabei war übrigens auch eine Abordnung der Bad Salzufler Schützen – einer davon in Uniform des Lippischen Schützens, der die Aufmerksamkeit auf sich zog – sowie die St.-Johannes-Schützenbruderschaft Stukenbrock, die zur festen Größe des Zapfenstreiches gehört. Der gelungene Auftakt für einen fröhlichen Party-Abend mit der „Hit Radio Show“ im Festzelt und der Disko in der Schützenhalle. Bei wunderschönem Sommerwetter genossen zudem zig Besucher das Flair auf den malerisch am Hang gelegenen Terrassen.

Der Sonntag startete nicht minder ausgelassen mit dem Konzert auf dem Rathausplatz. Zahlreiche Ehrengäste waren gekommen, darunter Landrat Dr. Axel Lehmann und Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast, der nicht nur Mitglied der Oerlinghauser Schützen ist, sondern durch seine lange berufliche Zeit in der Bergstadt immer noch viele Freundschaften hier pflegt. Internationaler Besuch aus England war mit David Keil, Ward Beadle der City of London, und seinem Sohn Stewart ebenfalls alle drei Tage vertreten.

Einer der Höhepunkte des Schützenfestes war und ist stets der große Festumzug. Dazu waren nicht nur die Oerlinghauser Schützen samt Kinderthron, sondern auch große Abordnungen der befreundeten Vereine Schützengesellschaft des Amtes Heepen, Schützengesellschaft Dalbke und Umgegend, Schützengilde der Stadt Lage sowie der Patenkompanie der Stadt Oerlinghausen, die 5./212 aus Augustdorf in die Bergstadt gekommen.

Beim Antreten auf dem Rathausplatz wurden nicht nur zahlreiche und verdiente Mitglieder geehrt (Bericht folgt), sondern auch ein Wechsel an der Spitze der 1. Kompanie vollzogen. Lutz Gronemeyer ist ab sofort neuer Chef der „Ersten“, der das Amt nach vielen und verdienten Jahren von Jochen Schneider übernommen hat.

Angeführt von einer festlich geschmückten Kutsche mit den Majestäten Sebastian Boer und Christiane Hoffmann sowie dem Bierkönigspaar Friedrich und Gisela Diekhof und mehreren Cabrios, in denen sich die Throndamen präsentierten, ging es bei bestem Sommerwetter durch die Stadt. Viele Zuschauer säumten die Straßen und verfolgten den Umzug. Auf dem Schützenplatz genossen zahlreiche Mitglieder und Gäste den Nachmittag in den Kompanierevieren.

Ausnahmezustand herrscht derweil jeden Schützenfestmontag in Oerlinghausen. Vor 6 Uhr morgens platzieren sich die Thekentaucher mit ihrer Ente an der Melmschen Hirschapotheke und versorgen Schützen und Besucher mit Brühe. Die Montagmorgen Wibbel-Weiber (MWW) präsentierten sich als strahlende Sonnen, der noch amtierende Thron kam in Bademänteln, Schlafanzügen und anderen gemütlichen Gewändern daher und freute sich, nach drei Jahren Regentschaft nun bald aus dem Dornröschenschlaf geholt zu werden.

Auf dem Rathausplatz nahmen nach der Begrüßung durch Schützenbruder und Bürgermeister Dirk Becker die Juxtruppen das Zepter in die Hand: Die Tönsbergwacht nahm die Planungen für die Klimaerlebniswelt in Oerlinghausen aufs Korn und zeigte im Beisein von Gretel Tönsberg (der Cousine von Greta Thunberg), dass diese für sehr viel weniger Geld zu haben ist als den veranschlagten 8,6 Millionen Euro. Dazwischen gab es noch den ein oder anderen augenzwinkernden Seitenhieb in Richtung Kommunalpolitik. Die Vümfte nahm die Besucher hingegen mit auf eine Zeitreise und präsentierte zig Kostüme vergangener Auftritte. Dazu mussten Oberst Christian Landerbarthold und Bürgermeister Dirk Becker in einem Quiz ein paar fiese Fragen beantworten – was den beiden mehrere Schnäpse bescherte.

Auf dem Schützenplatz angekommen, startete alsbald das Königsschießen. Und es dauerte nicht lange, bis der schmucke, von der Firma Lange hergestellte Holzadler seine Insignien verloren hatte. Mit dem 46. Schuss holte Marius Schmidt den Apfel herunter, Tobias Linnenbürger hatte es mit dem 51. Schuss auf das Zepter abgesehen und mit dem 64. Schuss hatte Detlef Jelen dem Holzadler die Krone vom Haupt geschossen.

In der anschließenden Schießpause wurde es rappelvoll im Festzelt. Denn dort zelebrierte die Mobile Schützen Katastrophen-Kolonne (MSKK) die neueste Auflage ihrer legendären Shows. In zig Auftritten nahmen die Mitglieder alle möglichen Eigenheiten der Corona-Pandemie aufs Korn. Zur Moderation von Dr. Carlo Leisebieke (Timo Schilling) wurde beispielsweise vom Impfstoff Beta-Xylophon berichtet, der in der Melm’schen Hirschapotheke entwickelt worden war und von Schwester Hildegard nun direkt ersten Probanden verabreicht wurde: nämlich dem Oberst, dem Bürgermeister oder auch Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast. Mit dem filigranen Corona-Ballett von Sebastian Boer und Ralf Klocke, die mit einem Pezzi-Ball stets den nötigen Abstand einhielten, oder Gassenhauern wie „Ich hab‘ mich tausendmal gewogen“ von Bernd Oberschelp jagte ein Kalauer und Höhepunkt den nächsten. Applaus und Jubelstürme des begeisterten Publikums waren der gerechte Lohn für die spitzenmäßige Show der MSKK.

Danach wurde es am Hochstand spannend, wo sich ein atemberaubendes Königsschießen entwickelte. Udo Grothklags, Bernd Oberschelp, André Scherlich und Detlef Jelen wetteiferten um die Königswürde und zerlegten Schuss für Schuss den Holzadler. Bis zu dem einen Moment, als nur noch ein Treffer benötigt wird. Zu dem Zeitpunkt ist eigentlich Detlef Jelen an der Reihe. Doch er lässt dem Freund seiner Nichte den Vortritt. André Scherlich tritt ans Gewehr, trifft und macht sich unter Freudentränen so wahrscheinlich selbst das schönste Geschenk zu seinem 40. Geburtstag.

Auf den Schultern mehrere Schützenbrüder geht es zur Haupttheke, wo das neue Königspaar weitere Glückwünsche entgegennimmt. Festlich wird es kurz darauf bei der Proklamation auf dem Feldherrenhügel, wo die Thronadjutanten den scheidenden Majestäten Sebastian Boer und Christiane Hoffmann die Königs- und die Königinnenkette abnehmen und den neuen Regenten André Scherlich und Nicole Jelen umhängen. Beide führen später in Kutsche und Cabrios mit ihren Throndamen den Festumzug an. Nachmittags startet das Bierkönigsschießen, wobei sich das nachgebaute Holzfass als überaus zäh erweist. Am Ende ist es Simon Maske, der am frühen Abend den entscheidenden Treffer abgibt und neuer Bierkönig wird. Bierkönigin wird Kerstin Fischer. Abends wird dann noch einmal richtig gefeiert, ehe das Oerlinghauser Schützenfest mit einer großen Party ausklingt.

„Wir haben drei richtige tolle Festtage erlebt. Das Wetter war wunderschön, der Besuch war gut, die Stimmung ausgelassen. Man hat gemerkt, dass die Menschen solche Veranstaltungen und die Geselligkeit vermisst haben“, lautet das überaus positive Fazit von Oberst Christian Landerbarthold. „Mein Dank gilt all den Mitgliedern und Menschen, die mit ihrem Einsatz dazu beitragen, so ein Fest möglich zu machen. Hier greifen unzählig viele kleine Rädchen ineinander, das ist schon bemerkenswert.“

 

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